Berlin, September 2026 – Brennende, juckende, gerötete Augen, Fremdkörpergefühl, verklebte Lidränder und Sehschwankungen: Hinter solchen Beschwerden steckt sehr oft eine stark erhöhte Besiedlung der Wimpernwurzeln und Lidränder mit Demodex-Milben. Sie können die Symptome eines Trockenen Auges oder eine Lidrandentzündung auslösen. Doch die winzigen Hautparasiten werden neuen Studien zufolge meist übersehen. Wie man einen verstärkten Milbenbefall am Auge erkennt und welche Therapien helfen, erläuterte eine Expertin der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft e.V. (DOG) auf der Vorab-Pressekonferenz zum Kongress.
Demodex-Milben, kleine Spinnentiere, gehören zur natürlichen Hautflora des Menschen und leben überwiegend auf behaarten Arealen. Problematisch für die Augen wird ihr Auftreten, wenn sie massiv Wimpernwurzeln, Talg- und Liddrüsen besiedeln und Entzündungen am Lidrand und der Augenoberfläche verursachen. Wie Untersuchungen zeigen, ist das häufiger der Fall als bisher angenommen. „Einen krankhaften Befall mit Demodex-Milben weisen 55 Prozent der Patientinnen und Patienten auf, die eine Augenarztpraxis aufsuchen“, berichtete Privatdozentin Dr. med. Christina Jacobi vom Augen & Haut Zentrum Nürnberg. Mit dem Alter steigt das Risiko weiter an. „Dennoch bleibt der vermehrte Milbenbefall leider häufig unerkannt“, stellte die DOG-Expertin fest.
Typische Beschwerden werden oft falsch eingeordnet
Grund: Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die milbenbedingte Lidrandentzündung oft mit Trockenem Auge allein, der entzündlichen Hauterkrankung Rosazea, einer allergischen Reizung oder einer unspezifischen Lidrandentzündung verwechselt wird. „Viele Patientinnen und Patienten werden deshalb über längere Zeit ohne nachhaltigen Erfolg behandelt“, sagte Jacobi. Die DOG-Expertin rät: „Wenn sich Augenbeschwerden wie Juckreiz, Brennen, Fremdkörpergefühl und schwankende Sehfähigkeit trotz Tropfen, Salben oder allgemeiner Lidpflege nicht bessern, sollte auf augenärztlicher Seite gezielt nach einem verstärkten Milbenbefall als Ursache gesucht werden.“
Zylindrische Schuppen als entscheidender Hinweis
Das erfordert keinen großen Aufwand. Für die frühzeitige Diagnose genügt häufig ein genauer Blick durch die Spaltlampe auf den Wimpernansatz. „Das typische klinische Zeichen sind sogenannte Kollaretten, also Schuppen, die die Wimpern wie ein kleiner Kragen umschließen“, erläuterte Jacobi. Die Ablagerungen gelten als hochspezifischer Hinweis auf eine Demodex-Blepharitis. „Besonders gut sind die Hautparasiten an der Spaltlampe am oberen Lidrand zu erkennen, wenn die Patientinnen und Patienten nach unten blicken“, ergänzte die DOG-Expertin. Um ganz sicher zu gehen, können einzelne Wimpern zur Milbenzählung entnommen und unter dem Mikroskop untersucht werden.
Tägliche Lidrandpflege mit Teebaumöl-Präparaten
Die beste verfügbare Behandlung ist derzeit die tägliche Lidrandpflege mit Teebaumöl-haltigen Präparaten, um die Milbenlast zu reduzieren und Entzündungen einzudämmen. Die Präparate mit dem Wirkstoff Terpinen-4-ol gibt es als Schaum, Gel und fertige Einmaltücher, die man in der Apotheke freiverkäuflich erhalten kann – für die Anwendung die Augen schließen und mit Tuch oder benetzten Wattestäbchen sanft entlang des Lidrands und der Wimpernansätze wischen. „Dabei die schuppigen Ablagerungen entfernen und den Wirkstoff nicht abspülen“, erläuterte Jacobi. Anschließend können die Lidranddrüsen zusätzlich sanft mit sauberen Fingern oder einem Wattetupfer massiert werden. „Entscheidend ist, die Behandlung täglich konsequent über mindestens vier bis sechs Wochen durchzuführen, um den Lebenszyklus der Milben lückenlos abzudecken“, betonte die Augenärztin.
Weitere Verfahren – und ein neues Medikament in den USA
Zusätzlich können weitere Verfahren gegen die Parasiten eingesetzt werden, etwa eine gründliche, augenärztliche Reinigung der Lidkante oder eine Behandlung mit Lichtimpulsen. Auch das Auftragen der entzündungshemmenden Wirkstoffe Ivermectin oder Metronidazol zeigt Wirksamkeit gegen Demodex-Milben, zählt jedoch zu den Off-Label-Therapien. „Diese Optionen können sinnvoll sein, ersetzen aber nicht die regelmäßige Lidrandhygiene als Basis der Behandlung“, sagte Jacobi. Unterdessen ist vor kurzem in den USA mit Lotilaner 0,25 Prozent die erste antiparasitäre Augentropfentherapie zugelassen worden, die Milben gezielt lähmt. Das Präparat kostet eine vierstellige Summe. Wann die Augentropfen in Deutschland verfügbar sein werden, ist offen.
Vielfach verkannt
„Die gute Nachricht lautet, dass wir mit den Teebaumöl-Wirkstoffen über eine vergleichsweise preiswerte, effektive Therapie gegen die Parasiten verfügen“, sagte Jacobi. „Denn Milben am Auge sind kein Schauermärchen, sondern eine reale, vielfach verkannte Ursache für chronische Augenbeschwerden, die die Lebensqualität stark beeinträchtigen können“, betonte die DOG-Expertin.
Terminhinweis:
Die nächste Kongress-Pressekonferenz zur DOG 2026 findet am Donnerstag, den 24. September 2026, in der Zeit von 12.30 bis 13.30 Uhr hybrid statt. Ort: Estrel Congress Center, Raum IX, Sonnenallee 225, 12057 Berlin. Hier können Sie sich online anmelden.